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Wachturm aus spätrömischer Zeit in Schlatt entdeckt
10. Mai 2023
Ende Januar 2023 bestätigte eine Sondiergrabung eine durch Funde
und Geländeaufnahmen ausgelöste Vermutung: Im Schaarenwald am
Rhein liegen Reste einer weiteren Befestigungsanlage, die zum Schutz des
Römischen Reiches im 4. Jahrhundert nach Christus entlang des Rheins
erbaut worden ist: Ein Turmfundament sowie ein darum herum laufender
Spitzgraben zeugen von den Verteidigungsanstrengungen der Römer
gegenüber den Germanen nördlich des Rheins.
Der sogenannte Schaaren am Hochrhein ist heute sowohl Erholungsgebiet
wie Naturreservat - er birgt aber auch wichtige Zeugen der bewegten
Geschichte der Region. So sind bereits eine bronzezeitliche Siedlung,
ein römischer Wachturm sowie vor allem Befestigungen aus den
Napoleonischen Kriegen aus dem Jahr 1799 nachgewiesen - auch im Zweiten
Weltkrieg wurden heute noch sichtbare Kampfbauten (Bunker) errichtet.
Heute ist das Gebiet fast vollständig bewaldet. Bereits vor 20
Jahren fand ein ortsansässiger Mitarbeiter des Amtes für
Archäologie auf einer weiteren Fläche auffällig viele
römische Münzen, was sich bis vor Kurzem nicht erklären
liess. Nachdem in diesem Winter Waldarbeiten durchgeführt wurden,
kamen weitere Objekte zum Vorschein, darunter auch römische Ziegel,
Bausteine aus Tuff sowie typische Ausrüstungsteile römischer
Soldaten aus der Zeit nach 300 n. Chr. Ebenso liess sich im Fundbereich
auf dem Geländemodell eine quadratische Struktur erkennen. Von der
Vermutung zum Beweis
Zwar wiesen die Indizien auf einen römischen Wachturm hin, doch
waren diese Befestigungsanlagen in der Zeit um 1900 systematisch gesucht
und zahlreiche Anlagen auf der Strecke von Basel bis nach Stein am Rhein
gefunden und erforscht worden. Ein neuer Standort war östlich des
Rheinfalls nur einmal, 1991 in Diessenhofen beim Unterhof, entdeckt worden
- dies bei der Renovation der Burganlage. Hatten die eifrigen Forscher
vor über 100 Jahren wirklich etwas übersehen? Die Hinweise
und auch die Lage der Verdachtsfläche sprachen dafür. Da
Forstarbeiten im Gange waren, erlaubten schliesslich die Forstorgane der
Kantone Thurgau und Schaffhausen (der Wald ist Schaffhauser Staatswald)
eine Sondiergrabung. In zehntägiger Arbeit Ende Januar 2023 wurde
schliesslich das Gebiet sondiert.
An der Oberfläche der bei Waldarbeiten weitgehend geräumten
Fläche war praktisch nichts zu sehen. Wie bei römischen
Bauwerken üblich wurde in späteren Zeiten das Steinmaterial
abgetragen und wiederverwendet. Vom Fundament eines nahezu quadratischen,
rund 7x7 Meter messenden Gebäudes mit rund 1 Meter dicken
Mauern verblieben nur Mörtelreste, einige Steine sowie der
Fundamentgraben. Der um die Anlage im Abstand von etwa 5 Meter gezogene
Spitzgraben zeichnete sich dagegen deutlich im kiesigen Untergrund
ab. Es ist zu vermuten, dass dazu eine Palisade oder Holzbefestigung
bestand. Funde - mit Ausnahme einer grossen Menge römischer
Dachziegel und Teile von Tuffquadern - blieben selten, kamen aber doch
vereinzelt vor. Die Grabung blieb auf einige Schnitte beschränkt und
hatte das "Archiv im Boden" und das empfindliche Waldgebiet zu schonen;
die Grabungsflächen wurden wieder sorgfältig eingedeckt.
Teil eines Systems und offene Fragen
Es bestehen aufgrund der Beobachtungen wenig Zweifel daran, dass die
untersuchten Spuren wirklich zu einer turmartigen Befestigung der Zeit ab
Ende des 3. bis Ende des 4. Jahrhunderts gehören. Dies zeigen die
Funde, aber auch die Vergleiche mit anderen, besser erhaltenen Anlagen
entlang des Rheines. Auffällig ist, dass auch diese Neuentdeckung
schlechter erhalten ist als die Befestigungen westlich des Rheinfalls,
von denen einige - etwa auf der Tössegg im Kanton Zürich -
die Zeit relativ gut überdauert haben. Wurden die römischen
Bauten am thurgauischen Rheinufer besonders stark abgebaut? Waren
sie nur zeitweise in Betrieb? Sicher ist: Das grosse Kastell Stein am
Rhein, dessen mächtige Überreste noch heute gut sichtbar sind,
wurde kurz vor 300 n. Chr. erbaut. Damals entstanden auch Festungen in
Pfyn, Konstanz, Arbon, Zurzach, Kaiseraugst und Bregenz. Die kleineren
Anlagen zwischen diesen "Kastellen" wurden wohl erst allmählich
errichtet. Einen klaren Akzent setzte schliesslich Kaiser Valentinian
kurz nach 370 n. Chr., der ein letztes Mal versuchte, mit Bauten die
Rheingrenze und das Hinterland zu befestigen; Grund dafür waren
zweifellos die von Norden her drohende Gefahr von Einfällen und
Raubzügen und mangelnde Ressourcen des römischen Reiches,
das seit dem 3. Jahrhundert zumindest im Westen in einem eigentlichen
Niedergang begriffen war.
Während der neu entdeckte Wachturm gut in die allgemeinen
historischen Überlegungen passt, ist doch unklar, wann genau
er entstand und mit welchen Anlagen er in Beziehung stand. Sind doch
östlich und westlich weitere Türme bekannt, über die man
allerdings auch nicht viel mehr weiss. Ausser wenigen Funden gibt es kaum
Hinterlassenschaften einer Besatzung. Aus anderen solchen Befestigungen
gibt es Hinweise, dass offensichtlich germanische Hilfstruppen im Dienst
standen und auch Gewerbe ausgeübt wurde; die Grenztruppe musste
sich - so auch die schriftlichen Berichte - weitgehend selber versorgen.
Von der Anlage ist im Gelände nichts zu sehen, sie wird aber im
Rahmen der historischen Pfade im Gebiet Schaaren erklärt und sichtbar
gemacht werden. Die wissenschaftliche Auswertung der Beobachtungen
und Funde steht noch bevor. Weiter gilt das Interesse nun auch den
übrigen Anlagen zwischen Feuerthalen und Stein am Rhein. Das Amt
für Archäologie wird dafür auch die anderen Standorte,
die bereits bestehenden Funde und natürlich die alten Berichte
genauer unter die Lupe nehmen; Belege für eine bewegte Zeit in
einer historisch bedeutsamen Umgebung.
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